23. Februar 2024 / Bildung & Wissenschaft

Mentale Gesundheit nach Kriegsausbruch in Ukraine international beeinträchtigt

Internationales Team um Forscher der Universität Münster untersucht psychologische Folgen des Krieges

Mitja Back

Foto (Thomas Mohn): Prof. Dr. Mitja Back


Der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor fast zwei Jahren hat international zu einem kollektiven Einbruch des Wohlbefindens geführt – unabhängig von Alter, Geschlecht, politischer Orientierung oder sonstigen Eigenschaften der befragten Personen. Mit Blick auf die Erholung von diesem Schock sind hingegen individuelle Persönlichkeitsmerkmale maßgebend. Zu diesen Ergebnissen kommt ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Psychologen Julian Scharbert und Prof. Dr. Mitja Back der Universität Münster. Die Studie basiert auf etwa 45.000 Einzelerhebungen von 1.300 Personen aus 17 europäischen Staaten, an der über 50 Forscher beteiligt waren. Sie wurde jetzt im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.


Psychologe Julian Scharbert

Die von Ende 2021 bis Sommer 2022 durchgeführte Studie ermöglichte eine Untersuchung der täglichen Stimmungsverläufe in den Wochen des Kriegsausbruchs. „Normalerweise ist es nicht möglich, derart einschneidende Ereignisse in einem präzisen Zeitfenster bei gleichzeitiger geografischer Breite zu untersuchen“, ordnet Mitja Back die Relevanz ein. Die Daten seien „einzigartig“. Die Forscher konzentrierten sich auf Menschen in Europa und einen zweimonatigen Zeitrahmen um den Kriegsausbruch am 24. Februar 2022.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

  • Die messbare kollektive psychische Beeinträchtigung ist größer als nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 und dem Corona-Lockdown 2020.
  • Menschen in Europa hatten im Vergleich zum Rest der Welt im Erhebungszeitraum ein signifikant niedrigeres Wohlbefinden.
  • Die Erhebungen lassen keinen direkten Zusammenhang zwischen starker Betroffenheit und aktiver Solidarität, etwa durch Spenden oder Teilnahme an Demonstrationen, erkennen.
  • An Tagen mit besonders starker Präsenz des Krieges in den sozialen Medien war eine durchschnittlich schlechtere mentale Verfassung zu beobachten.

Die Untersuchung mit Fokus auf der mentalen Gesundheit fügt der Debatte um humanitäre, politische und ökonomische Folgen des Krieges eine weitere Dimension hinzu. Während das Wohlbefinden vor dem Kriegsausbruch stabil war, kam es am Tag der russischen Invasion zu einem kollektiven Abfall. Mit Blick auf die Erholung von dieser Erschütterung stießen die Forscher hingegen auf systematische Unterschiede. „Menschen mit einer anfälligeren, wenig stabilen Persönlichkeit haben sich im Unterschied zu gefestigteren Personen im Schnitt auch einen Monat nach Kriegsbeginn noch nicht erholt“, erläutert Julian Scharbert, Doktorand und Erstautor der Studie.

„Neben den offensichtlichen Folgen des Krieges wie Flucht oder unterbrochene Versorgungsketten gibt es eine weniger offensichtliche Dimension: die Auswirkungen der täglichen Nachrichten und Bilder auf die Psyche“, sagt Julian Scharbert. „Unsere Daten weisen darauf hin, dass politische und gesellschaftliche Akteure in Krisenzeiten auch die mentale Gesundheit in den Fokus nehmen sollten – besonders von Menschen, die ohnehin anfälliger für Belastungen sind.“ Menschen in der Ukraine und Russland würden psychisch vermutlich ungleich größer belastet sein, zu diesen Ländern lägen allerdings keine Daten vor.

Meistgelesene Artikel

Themenabend „Skandal im Dombezirk“ im Stadtarchiv Münster
Bildung & Wissenschaft

Veranstaltung zeichnet Rechtskonflikte zwischen Stadt und Kirche im frühneuzeitlichen Münster nach

weiterlesen...
71 Osterfeuerfeuer in Münster angemeldet
Genuss & Lifestyle

Nur Feuer zur Brauchtumspflege erlaubt

weiterlesen...

Neueste Artikel

Florida ermittelt gegen OpenAI nach Waffen-Attacke an Uni
Aus aller Welt

Ein Angreifer, der zwei Menschen auf einem Uni-Gelände in Florida tötete, ließ sich zuvor laut Ermittlern von ChatGPT beraten. Staatsanwälte fordern nun mehr Informationen von der Entwicklerfirma.

weiterlesen...
Abschied von Mario Adorf in München, Grab an der Riviera
Aus aller Welt

Mario Adorf gehörte über Jahrzehnte zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern. Nach dem Tod des 95-Jährigen wird es in zwei Ländern Trauerfeiern geben.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Innovative Analysegeräte für neue Einblicke in Batteriezellen
Bildung & Wissenschaft

EU und Nordrhein-Westfalen unterstützen Infrastruktur mit mehreren Millionen Euro

weiterlesen...
"Dino-Palaver" im LWL-Planetarium
Bildung & Wissenschaft

Live-Talk über die Dino-Grabung bei Balve, das Fossil des Jahres und mehr

weiterlesen...