3. September 2020 / Allgemein

Ältestes Handwerker-Haus in der Altstadt vor dem Abriss gerettet

Fachwerkgebäude an der Bergstraße wird auf 1592 datiert

Bergstraße 9

Foto (Städtische Denkmalbehörde Münster): Diese Ansicht der Bergstraße 9 ist vermutlich um 1900 entstanden.


Lange wurde untersucht, geprüft und abgewogen, letztendlich wies ein richterlicher Vergleich den Weg: Zum 1. September hat die Stadt Münster das unter Denkmalschutz stehende Fachwerkhaus an der Bergstraße 9 erworben und rettet damit das älteste Handwerker-Haus in der Altstadt vor dem Abriss. "Das Haus hat eine ganz besondere Baugeschichte", unterstreicht Mechthild Mennebröcker, Leiterin der städtischen Baudenkmalpflege, die Bedeutung der Entscheidung. "Für uns war schnell klar, es lohnt sich, sich für den Erhalt des auf den ersten Blick unscheinbaren Hauses einzusetzen."

Foto (Stadt Münster): An der Bergstraße 9 tut sich was  - deutlich zu erkennen an den vier haushohen Streben, die das Gebäude seit Februar abstützen. Bis 2017 war dort die "Bit-Pünte" untergebracht.

Mit Hilfe der Dendrochronologie, die sich mit den Fälldaten der für den Bau verwendeten Hölzer befasst, ist die Entstehung des Hauses auf das Jahr 1592 datiert worden. Aus dieser frühen Zeit stammen die fast vollständig erhaltenen Balkenlagen aller Geschossdecken und der Dachstuhl in spätmittelalterlicher Konstruktionsweise. "Beeindruckend sind die wuchtigen Kopfbänder, aber auch die alten Deckenausfachungen aus Lehm. Die Fassade und die Kaminstelle aus Backstein im Erdgeschoss spiegeln deutlich die vielen Veränderungen wider, die das Haus im Laufe der Jahrhunderte erlebt hat und die das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner prägten." Das Haus ist eines der rund 250 Häuser, die schon auf dem von Everhard Alerdinck 1636 fertiggestellten Stadtprospekt eingezeichnet sind. Als einziges Fachwerk-Stadthaus im früher eng bebauten Handwerkerviertel von Münster wurde es im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört.

Zur Vorgeschichte der Kaufentscheidung: 2017 wurde die Kneipe "Bit-Pünte" an der Bergstraße 9 geschlossen. Das als Denkmal eingetragene Haus wurde verkauft. Der neue Eigentümer gab verschiedene Untersuchungen in Auftrag, die zu dem Ergebnis kamen, die statische Sicherheit sei nicht mehr gegeben, der Erhalt des Hauses  nicht wirtschaftlich. In der Konsequenz sah der Eigentümer den Abriss des Hauses als einzige Möglichkeit. Die Denkmalpfleger der städtischen Denkmalbehörde und die Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mochten diesen Weg nicht mitgehen. Und ihre Einschätzung wurde am Ende bestätigt.

Doch der Reihe nach: Zunächst ermöglichte das Verwaltungsgericht Münster mit einem Vergleich zusätzliche Untersuchungen, die zum einen klären sollten, ob das Fachwerkgerüst erhalten werden kann und zum anderen Aufschluss über die Baugeschichte geben sollten. Sollten die Untersuchungen positive Ergebnisse bringen, so der Vergleich, sollte die Stadt Münster das Fachwerkhaus erwerben.

Die Untersuchung zum Zustand des Fachwerks gab die LWL-Denkmalpflege in Auftrag: Drei Wochen war ein Restaurator im Zimmererhandwerk im Haus und nahm Zentimeter für Zentimeter die Hölzer unter die Lupe. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen der Denkmalpfleger: Nach Abschluss der Instandsetzungsarbeiten werden rund 70 Prozent des Fachwerkgerüstes erhalten sein. "Das ist ein enorm hoher Wert", erläutert Mechthild Mennebröcker. Außerdem untersuchten die Bauforscher des LWL das Gebäude, stellten das Alter fest und entdeckten, dass umfangreiche Substanz aus der frühen Neuzeit erhalten ist. Ihr Fazit: Das Haus ist ein einzigartiges Zeugnis der Bau- und Stadtgeschichte.

Der Rat der Stadt Münster hatte dem richterlichen Vergleich bereits einstimmig zugestimmt, so dass das Haus nun zum 1. September in den Besitz der Stadt übergegangen ist. Mechthild Mennebröcker und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Denkmalpflege freuen sich über das Ergebnis. Stadtbaurat Robin Denstorff stellt fest: "Es ist schon bemerkenswert und keineswegs selbstverständlich, dass die Unterstützung für den Erhalt des Hauses so breit ist und die Stadt hierfür viel Geld in die Hand nimmt."

Wie geht es weiter? Die beteiligten Fachämter in der Stadtverwaltung müssen nun die Instandsetzungsarbeiten organisieren, Nutzungskonzepte erarbeiten und Förderanträge stellen. "Wir haben die einmalige Chance bekommen, ein ganz besonderes Kleinod zu erhalten", blickt Mechthild Mennebröcker nach vorn. "An der Bergstraße wird eine erstrangige Quelle und ein herausragender Beleg münsterscher Stadtgeschichte erhalten."

 

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