5. Juli 2020 / Kunst & Kultur

Eisenman Skulptur kehrt nach Münster zurück

Kunst im öffentlichen Raum erstmalig durch Bürgerschaft finanziert

Sketch for a fountain

Foto: Henning Rogge


Die Bürgerinitiative „Dein Brunnen für Münster e.V.“ setzt sich seit September 2017 für den dauerhaften Verbleib von „Sketch for a Fountain“ der amerikanischen Künstlerin Nicole Eisenman in Münster ein. Das Brunnenensemble entstand im Rahmen der Skulptur Projekte 2017 und war für drei Monate an der Kreuzschanze in Münster zu sehen. In seiner Sitzung am 24. Juni 2020 hat der Rat der Stadt Münster der Rückkehr des Kunstwerkes und der dauerhaften Installation an seinem ursprünglichen Aufstellungsort zugestimmt. Dies ist ein entscheidender Meilenstein und Durchbruch, der die umgehende Realisierung des Projektes ermöglicht.

Ein Zeichen für Frieden und Toleranz - Historie
Nicole Eisenman ist eine der renommiertesten zeitgenössischen Künstlerinnen und derzeit auf bedeutenden internationalen Ausstellungen vertreten. Sie schuf ihre erste skulpturale Installation im öffentlichen Raum, „Sketch for a Fountain“, speziell für die Skulptur Projekte 2017 in Münster. Die Skulptur thematisiert durch ihre überlebensgroßen, geschlechtslosen Figuren das Thema Gender und Toleranz. Das Ensemble wurde an einem Ort in Münster aufgestellt, der seit Jahrzehnten bekannt ist als heimlicher Treffpunkt von Homosexuellen. Zudem nimmt die Künstlerin mit den fünf Figuren Bezug auf ihre jüdische Familie, die im zweiten Weltkrieg aus Deutschland und Österreich fliehen musste.

Das Werk war eine der meist besuchten Arbeiten während der dreimonatigen Skulptur Projekte, ebenso Begegnungsort und beliebter Treffpunkt für Besucherinnen und Besucher. Es war aber auch als einziges Kunstwerk der Ausstellung immer wieder Ziel von Zerstörungen und Kritik. Zuletzt wurde es am Vorabend der Bundestagswahl mit Hakenkreuzen und anderen homophoben Zeichen beschmiert. Dies war Auslöser für den Start einer breit angelegten Bürgerinitiative, die von der Künstlerin von Anfang an aktiv begleitet und unterstützt wurde. Das Werk sollte mit breiter bürgerschaftlicher Beteiligung angekauft und dauerhaft für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Münster erhalten bleiben. Als Zeichen für Frieden und Toleranz, für eine offene und bunte Gesellschaft.

Unglaublichen Gemeinsinn ausgelöst
Diese Botschaft hat die Bürgerinnen und Bürger von Münster in einzigartiger Weise mobilisiert, sich für Vielfalt, Toleranz und zu einem friedlichen Zusammenleben von Menschen jedweder Herkunft, Geschlecht und geschlechtlicher Orientierung zu bekennen. Im wahrsten Sinne des Wortes „auf der Straße“ gingen die Mitglieder
des Vereins mit der Bürgerschaft in den Dialog und warben für ihr Vorhaben. Auf Viertel- und Straßenfesten, auf Kunstausstellungen, der „Langen Nacht der Museen“, einem selbst ausgerichteten „Bergfest“ und etlichen unkonventionellen Aktionen. In einer großen Lotterie wurden weitere Spenden eingenommen. Viele Münsteraner Firmen stiegen spontan mit ins Boot und verkauften Produkte zugunsten des Vereins oder sponserten Werbematerial. Mit Brunnenbier, Brunnenbrötchen, Brunnenpesto, „Brunnen-Gerichten“ in Restaurants, einer Filmvorstellung u.v.m., wurden Spenden generiert. Diese Aktivitäten prägten das Jahr 2018 und brachten ca. die Hälfte der benötigten Spenden ein. Berührt von diesem außergewöhnlichen bürgerschaftlichen Engagement kamen Künstlerin und Galerie der Initiative im Sommer 2018 großzügig entgegen und verzichteten auf Honorare. Dadurch halbierte sich der Anschaffungspreis des Kunstwerks von 1.2 Mio. auf 600.000 €. Diese Entscheidung brachte nochmal einen entscheidenden Motivationsschub für die Bürgerschaft und füllte den Spendentopf weiter an. Parallel dazu und weit in das Jahr 2019 hinein standen im Hintergrund die aufwendigen Antragsstellungen an Förderinstitutionen, Stiftungen, die Stadt Münster und das Land NRW auf dem Programm. Diese deckten in etwa die zweite Hälfte des benötigten Betrages ab. Der Ratsbeschluss am 24. Juni 2020 bestätigte dann entscheidend die Rückkehr des Kunstwerkes an seinen alten Standort auf der Kreuzschanze.

Die Künstlerin begleitete die Initiative von Anfang an sehr eng. Sie unterstützte die Spendensammlung z.B. mit einem eigens gefertigten „Logo“, das den Kopf einer der Figuren des Brunnenensembles zeigt, und mit der Gestaltung eines T-Shirts. Im Jahr 2019 schenkte sie dem Verein die Edition einer Radierung, „The Münsterians“, in einer Auflage von 70/100. Diese war innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Nicole Eisenmann zeigte sich in einem Telefonat nach der Ratsentscheidung tief gerührt und überwältigt von dem finalen Erfolg der Initiative. Nicole Eisenman: „Es ist so unglaublich! Auch wenn ich nie wirklich gezweifelt habe… Dass es jetzt Wirklichkeit wird, dass ich mit meinen Kindern nach Deutschland fahren und „Sketch for a Fountain“ besuchen werde, ist einfach überwältigend. Danke an die wunderbaren Bürgerinnen und Bürger von Münster!“

Ein großes Dankeschön!
Noch nie hat es in Deutschland eine Bürgerbewegung für ein Kunstwerk in einer solchen Dimension gegeben. „Sketch for a Fountain“ hat in Münster einen unglaublichen Gemeinsinn ausgelöst und zu internationaler Aufmerksamkeit geführt. In einer Zeit, in der der Dialog zwischen gesellschaftlichen Gruppen immer schwieriger zu werden scheint, setzen die Münsteraner Bürgerinnen und Bürger mit der Rückkehr des Brunnens ein Zeichen für Frieden und Toleranz, für eine offene und bunte Gesellschaft. „Unser Dank gilt an dieser Stelle den vielen Beteiligten, die das Projekt bis hierhin begleitet und getragen haben“. (Dein Brunnen für Münster)

Schon während der Skulptur Projekte 2017 war „Sketch for a Fountain“ nicht nur ein großer Anziehungspunkt,
sondern Ort der Begegnung und des öffentlichen Dialogs. Bis zu 2.500 Ausstellungsgäste hielten sich dort täglich auf, Münsteranerinnen und Münsteraner verbrachten hier ihre Mittagspausen. Studierende trafen sich abends zum Grillen, Familien zum Picknick. Der Verein „Dein Brunnen für Münster“ lud während der gesamten Kampagnenzeit monatlich zu Informations- und Diskussionsrunden ein, die den Dialog zu den aktuellen Themen rund um das Kunstwerk und das Projekt belebten. Diese Treffen sind bis heute fortlaufend, wenn auch mit kleiner Corona bedingter Unterbrechung. „Auch in Zukunft soll „Sketch for a Fountain“ ein lebendiger Ort bleiben, denn das Kunstwerk bietet unendliche viele Möglichkeiten, mit der Gesellschaft in den Dialog zu gehen.“ (Dein Brunnen für Münster)

Es haben bereits Gespräche mit verschiedenen Akteuren stattgefunden, wie z.B. der Annette von Droste-
Gesellschaft und dem Franz-Hitze-Haus. In diesem Austausch sind erste Ideen für gemeinsame Veranstaltungsformate entstanden. Auch mit dem Friedensbüro der Stadt Münster gab es einen ersten Kontakt. Die Themen Frieden, Toleranz und Dialog werden Bestandteil lebendiger Interaktionen rund um das Kunstwerk bleiben.

Wie geht es weiter – das Handling
Aufgrund der positiven Ratsentscheidung kann der Verein jetzt umgehend in die Planung und Umsetzung gehen.
Entscheidender nächster Schritt ist die Erarbeitung eines Gestattungsvertrages zwischen dem Verein „Dein Brunnen für Münster e.V.“ (als Eigentümer des Kunstwerks) und der Stadt Münster. Dieser regelt sämtliche Haftungs- und „Hoheitsfragen“ rund um das Bauvorhaben und die spätere Instandhaltung. Gespräche mit Brunnenbauern und das Einholen von Angeboten finden bereits statt. „Wir sind sehr zuversichtlich, den ersten Spatenstich als symbolischen Baubeginn noch in diesem Jahr feiern zu können.“ (Dein Brunnen für Münster)

Die Künstlerin Nicole Eisenman hat Ideen zur dauerhaften Gestaltung des Kunstwerks entwickelt. So werden die zwei Bronzen wiederkehren, die während der Skulptur Projekte 2017 in Münster aufgestellt waren. Die drei Gipsfiguren werden für die dauerhafte Aufstellung aus Aluminium hergestellt und mit einer weißen Patina beschichtet. Münster erhält somit ein Unikat, das dem ursprünglichen, temporären Werk sehr ähnlich ist. Es gibt weitere zwei Exemplare in Dallas und Boston, bei denen das gesamte Ensemble in Bronze gefertigt ist. Die Künstlerin wird den Entstehungsprozess auch hier vor Ort eng begleiten.

Was braucht es noch – Finanzen
Für den Ankauf des Kunstwerks sind seit 2017 Spenden und Förderbeträge in Höhe von 630.000 € eingeworben
worden. 280.000 Euro wurden durch private Spenden und Förderzusagen (von einem Euro bis 100.000 €) gesammelt. Die Stadt Münster beteiligt sich mit 50.000 €, das Land mit 200.000 €, das Bistum mit 30.000, die Stiftung Volksbank Münster und die Stiftung Westfälische Landschaft mit jeweils 10.000 und die Sparkassenstiftung mit 50.000 €.

Für den Brunnenbau und die Erschließung des Areals werden weitere Spendengelder in Höhe von 150.000 bis 200.000 € benötigt. Hierzu laufen Gespräche, Förderzusagen wurden bereits in Aussicht gestellt. Dennoch ist das Projekt auch weiterhin auf Spenden angewiesen. Für die Instandhaltung und Wartung, für die sich der Verein auch in Zukunft verantwortlich zeigen wird, werden Gelder in Höhe von ca. 10.000 € pro Jahr veranschlagt. Hierfür sollen Fördermitgliedschaften und Jahrespatenschaften vergeben werden. Einige Fördermitgliedschaften hat der Verein schon eingeworben.

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