30. Mai 2022 / Wirtschaft & Finanzen

Handwerk: Erholung mit Konjunkturrisiken

Betriebe befürchten Stagflation – Lieferengpässe belasten

SHK Ausbildung

Fotos (Ralf Emmerich): Immer mehr junge Frauen entscheiden sich bewusst für eine Ausbildung in technischen Berufen


„Die Handwerkskonjunktur im Kammerbezirk Münster hat sich gegenüber dem Vorjahr erholt. Aber die Pandemiefolgen drosseln die Geschäfte nach wie vor; steigende Produktionskosten sowie Lieferengpässe belasten und machen für die Zukunft pessimistisch. Die Auswirkungen des Ukrainekriegs besorgen.“ Mit diesem Kommentar stellte Präsident Hans Hund die Ergebnisse der Frühjahrsumfrage der Handwerkskammer (HWK) am Mittwoch (25. Mai) in einem Pressegespräch vor. Angesichts erwarteter weiterer Preissteigerungen drohe eine Stagflation in den nächsten Monaten, zog Hund ein Fazit. 

Von den 534 Betrieben aus dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region, die an der Konjunkturumfrage teilnahmen, bewertete der größte Teil (46 Prozent) seine aktuelle Geschäftslage mit „gut“. 40 Prozent finden sie „befriedigend“ und 14 Prozent „schlecht“. Die Kapazitätsauslastung erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 5,5 Prozentpunkte (79,9 Prozent).


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Bei der Prognose für das nächste Halbjahr überwiegt dagegen der Anteil der negativen Erwartungen die positiven um 11 Prozentpunkte. Es sei das erste Frühjahr seit der Finanzkrise, in dem das Handwerk mit einem Abschwung rechne, so Hund. Das Klima aus noch positiver Lage und negativer Prognose fasst der Geschäftsklimaindikator zusammen: Obwohl er sich mit 108,4 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr leicht verbesserte (plus 4,4 Punkte), liegt er deutlich unter dem Niveau des Booms vor Corona. 

Die Verkaufspreise entwickelten sich rasant. „Sie spiegeln die allgemeine Inflation und damit die drastischen Kostensteigerungen von Energie, Rohstoffen, Vorprodukten und Material wider, die bei den Betrieben in der Produktion zu Buche schlagen“, erklärte Hund. Die Dynamik des Preisdrucks schreite fort. 

Die Betriebe sehen Auftragsrückgänge auf sich zukommen. Erwartet wird, dass eine abnehmende Geschäftstätigkeit bei steigenden Preisen zu einem gleich bleibenden Umsatz in den kommenden Monaten führt. Die Auftragsreichweite beträgt 10 Wochen. Das sind 2,4 Wochen mehr als vor einem Jahr.  

Das dritte Halbjahr in Folge überwiegt der Anteil der Betriebe mit Beschäftigungsabbau den der Betriebe mit Beschäftigungsaufbau (Saldo: minus 6 Prozentpunkte). Für das nächste Halbjahr wird ein kleiner Personalzuwachs erwartet. Die Investitionen stiegen mäßig. Auch hier zeichnet sich eine künftige Schwächung ab.

Die aktuelle Geschäftslage in den beiden Teilregionen des Kammerbezirks – Emscher-Lippe-Region und Münsterland – ist exakt gleich, was nach Hund ein Novum sei. Im Saldo überwiegen die Betriebe mit „guten“ Geschäften die Betriebe mit „schlechten“ Geschäften jeweils um 32 Prozentpunkte. Die Erwartungen an die Geschäftsentwicklung sind entgegen des Landestrends im nördlichen Ruhrgebiet sogar etwas weniger schlecht. 

Ein positives Geschäftsklima melden die Branchen Bau und Gesundheit: In den Ausbaubetrieben ist die Stimmung am besten (Geschäftsklimaindikator: 123,7 Prozentpunkte). Das Bauhauptgewerbe rutschte von seiner Spitzenposition im Jahresvergleich steil ab (118 Punkte). Es hat dennoch die höchste Kapazitätsauslastung aller Branchen. Die Aufträge reichen rekordmäßige 18,1 Wochen weit. Die Laune im Gesundheitsgewerbe verbesserte sich trotz Lieferengpässen gegenüber dem Vorjahr (112,5 Punkte). Die Betriebe waren weniger von Coronarestriktionen betroffen als vor einem Jahr. 

Die übrigen Branchen verzeichnen ein negatives Geschäftsklima: Bei den Anbietern für den gewerblichen Bedarf drücken bei noch positiver Lage die Probleme auf den internationalen Märkten und die Unsicherheiten hinsichtlich der Energieversorgung die Laune (99,8 Punkte). Im Nahrungsmittelgewerbe verharrt das Geschäftsklima auf Vorjahresniveau (94,5 Punkte). Die Betriebe gehen wegen stark steigender Lebensmittel- und Energiekosten von einer deutlichen Verschlechterung der Geschäftslage aus. Die Personenbezogenen Dienstleister verbuchen eine negative Geschäftslage und Prognose, aber stehen besser da als vor einem Jahr (85,7 Punkte). Schlusslicht ist das Kraftfahrzeuggewerbe (77,1 Punkte). Es geht den Betrieben schlechter als vor einem Jahr. Zeitweise geschlossene Verkaufsräume und die gegenwärtigen Engpässe an Fahrzeugen und Ersatzteilen belasten. 

Hund erwartet in den kommenden Monaten weiterhin Risiken für die Wirtschaftsgruppe: Folgen des Ukrainekriegs seien vor allem Lieferengpässe und Logistikprobleme sowie eine sinkende gewerbliche Produktion. Das heimische Handwerk werde zumeist indirekt von den erhöhten Beschaffungs- und Energiekosten im Zuge des Krieges betroffen. Hund verwies auf eine bundesweite Umfrage des Handwerks, nach der 2 Prozent der Betriebe Kunden in der Ukraine, Belarus und Russland beliefern. 6 Prozent müssen einen Ausfall von Lieferanten aus diesen Ländern kompensieren.

Auch im Kammerbezirk Münster gibt es Handwerksunternehmer und Beschäftigte aus der Ukraine: 42 Betriebe haben einen Inhaber, gesetzlichen Vertreter, persönlich haftenden Gesellschafter oder Kommanditisten mit ukrainischer Staatsangehörigkeit. 

15 Auszubildende sind ukrainische Staatsbürger. Hinzu kommen weitere Handwerkerinnen und Handwerker mit ukrainischen Wurzeln in den heimischen Betrieben. 

Weitere Risiken sah Hund darin, dass nach zwei Jahren Corona-Pandemie die finanziellen Polster vieler Handwerksbetriebe aufgebraucht seien. Es gebe wenig Spielraum, um weitere Härten abzufedern. Die Inflationsdynamik und der Fachkräftemangel bleibe stark.

Die Zahl der Handwerksbetriebe im Kammerbezirk nahm im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent auf 29.781 zu. Die Existenzgründungen erhöhten sich um 11 Prozent: 707 Handwerkerinnen und Handwerker machten sich mit einem neuen Betrieb selbstständig. HWK-Hauptgeschäftsführer Thomas Banasiewicz geht davon aus, dass sich das schwierige wirtschaftliche Umfeld im weiteren Jahr auch bremsend auf die Gründungsdynamik und den Fortbestand der Betriebe auswirken werde.

„Es zeichnet sich ab, dass die Gewinnung neuer Auszubildender in diesem Jahr für das Handwerk noch schwieriger wird“, schätzt Banasiewicz. Am 30. April waren 1.575 neue Lehrverträge bei der Handwerkskammer eingetragen. Das sind 7,5 Prozent weniger als zum Vorjahresstichtag. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sei unverändert hoch; ihre Türen stünden für Bewerber weit offen. Jetzt gebe es aber schon zwei Schuljahrgänge, in denen Schülerinnen und Schüler weniger Berührung zur Berufsorientierung gehabt hätten. Das habe den Trend zur Akademisierung und zum Besuch weiterführender Schulen verstärkt. Das Handwerk werde in seinen Bemühungen zur Nachwuchsgewinnung keineswegs nachlassen, versicherte Banasiewicz. Die HWK lege den Schwerpunkt auf die Unterstützung der Berufsorientierung Jugendlicher und die Lehrstellenvermittlung.

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