11. April 2023 / Bildung & Wissenschaft

Geologisch jüngste Sauropodenreste aus Deutschland gefunden

Große Dinos - kleine Knochen

Saurierfund

Foto (LWL/Schwermann): Die Fundstelle bei Balve liefert keine großen Knochen oder Skelette. Die Fossilien sind meinst klein und fragmentarisch erhalten. Die Grabungsmethoden sind entsprechend kleinteilig.

 

Fachleute des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) graben seit 20 Jahren in einer Dinosaurierfundstelle bei Balve im Sauerland. Seitdem wurden zahlreiche bedeutende Funde ausgegraben. Nun veröffentlicht ein Forscherteam mit Beteiligung des LWL-Museums für Naturkunde in Münster Nachweise von Langhalsdinosauriern (Sauropoden) mit dem jüngsten geologischen Alter, die man aus Deutschland kennt: Die Funde stammen aus dieser Fundstelle und sind etwa 125 Millionen Jahren alt. Es sind der Rest eines Rückenwirbels und ein knapp acht Zentimeter langer Krallenknochen.

Die vierbeinigen Sauropoden gehörten als große Pflanzenfresser zur Lebewelt der Dinosaurierzeit. Aus der frühen Kreidezeit, in die auch die Fundstelle bei Balve fällt, sind sie allerdings bisher nur sehr selten belegt worden. Das gilt vor allem im Vergleich zu den "iguanodonten Dinosauriern", also einer anderen Gruppe pflanzenfressender Dinosaurier, die bis zu zehn Meter lang wurden. Im Gegensatz zu den Sauropoden wurden sie im Verlauf der Kreidezeit immer häufiger und vielgestaltiger, wie die Fossilüberlieferung zeigt. 


Rekonstruktion der Lebewelt bei Balve vor 125 Millionen Jahren. In der Bildmitte und hinten rechst iguanodonte Vogelfußdinosaurier.
Rekonstruktion John Sibbick, 2005

Auch Funde von Fährten in Niedersachsen belegen, dass bereits am Beginn der Kreidezeit vor 144 Millionen Jahren Sauropoden deutlich seltener als Iguanodonten waren. Dieser Trend setzte sich im Verlauf der unteren Kreidezeit fort und die zirka 125 Millionen Jahre alten Funde von Balve sind die jüngsten Nachweise von Sauropoden die man aus Deutschland kennt. 

Fundstelle bringt seit 20 Jahren erstaunliche Funde ans Licht
Die Ausgrabungen des LWL-Museums für Naturkunde bei Balve dauern nun seit 20 Jahren an. "Wir finden noch immer jeden Sommer neues Material, was uns hilft, die Welt der Dinosaurier vor 125 Millionen Jahren besser zu verstehen", so LWL-Dinosaurierexperte Dr. Achim Schwermann, dem Leiter der Grabung. "Die Fossilien sind meist sehr kleinteilig und stark zerbrochen. Auch wenn es sich bei Vogelfuß- und Langhalsdinosauriern um große Tiere gehandelt hat, wir finden nur noch kleinste Reste von ihnen. Das macht die Ausgrabung und auch die wissenschaftliche Analyse sehr kompliziert und langwierig." 

Eine Lücke schließt sich
Mit den vorgestellten Funden schließen die Autoren eine Lücke in der Rekonstruktion des damaligen Ökosystems. Bei Ausgrabungen in Balve sind bislang schon verschiedene Tiergruppen gefunden worden. Beeindruckend sei das Spektrum der Wirbeltiere, das Fische, Amphibien, kleine Reptilien, Schildkröten, Krokodile, pflanzen- und fleischfressende Dinosaurier, Flugsaurier und Säugetiere umfasst. In der Vergangenheit wurde die Fundstelle durch mehrere Amphibien- und Säugetierarten bekannt, die nur hier gefunden wurden. 

Derzeit wird die Gruppe der Dinosaurier in mehreren wissenschaftlichen Projekten untersucht. Hier klaffte seit Entdeckung der Fundstelle jedoch eine Lücke: während Reste von iguanodonten Dinosaurier und Fleischfressern schon früh entdeckt worden waren, fehlten bislang sichere Nachweise für Langhalsdinosaurier (Sauropoden). 

Ein Autorenteam stellt nun erste Fossilien von Sauropoden aus Balve in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung vor. Gegenstand der Arbeit sind zwei unscheinbare Knochen: der Rest eines Rückenwirbels und ein nicht einmal acht Zentimeter langer Krallenknochen. Sie können weitere Aufschlüsse zu den Umständen liefern, welche sich damals auf die Verbreitung dieser pflanzenfressenden Dinosauriergruppen auswirkten.

Rekonstruktion eines vergangenen Ökosystems
"Bemerkenswert ist daher vor allem die Umwelt, die für die Dinosaurierfunde von Balve rekonstruiert werden kann," so Dr. Jahn Hornung, Hauptautor der Arbeit. "So stammen sie aus einer Fundstelle, die in einem Hochland entstanden ist. Das ist in der geologischen Überlieferung äußerst selten." Das Autorenteam stellt nun die Hypothese vor, dass Veränderungen der damaligen Pflanzenwelt zu einer Verlagerung der Lebensräume der Langhalsdinosaurier führte, welche ihre Fossilüberlieferung beeinflusste. Hochkronige Bäume, Hauptnahrungsquelle der Langhalsdinosaurier, wurden im küstennahen Flachland deutlich seltener, und besiedelten Areale im küstenfernen Hochland. Während niedrigerer Pflanzenwuchs den Vogelfußdinosauriern aufgrund ihres effizienteren Kauapparats einen Vorteil verschaffte, konnten sie die hohen Baumwipfel nicht erreichen. Diese Nische blieb den langhalsigen Sauropoden vorbehalten. Sowohl die hochwachsenden Bäume, zu denen beispielsweise die Araucarien gehörten, als auch die Sauropoden, die sich von ihnen ernährten, zogen sich ab der Unterkreide in Hochlandgebiete zurück, aus denen im Vergleich zu Tiefländern weltweit nur sehr selten Fossilien überliefert sind. Balve und die schon länger bekannte Fundstelle Brilon-Nehden, ebenfalls im Sauerland, gehören zu diesen seltenen Vorkommen. In beiden wurden zwar viele Fossilien von Vogelfußdinosauriern gefunden, in Balve aber eben nun auch solche von Langhalsdinosauriern. 

Sauropodenfunde mit hoher Aussagekraft
"Auch, wenn nur wenige Fragmente vorhanden sind, so handelt es sich um die geologisch jüngsten Sauropodenreste aus Deutschland", ergänzt Koautor Sven Sachs. "Die beiden Fossilien lassen sich zwar nicht sicher einer bestimmten Art zuordnen, aber sie stammen zweifelsohne von Sauropoden und haben somit eine hohe Aussagekraft." Der Rückenwirbel weist Ähnlichkeiten zu "Ornithopsis hulkei" auf, einer Sauropodenart, die aus etwa gleichalten Fundschichten von Südengland bekannt ist. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass beide eng verwandt waren. 

Sachs: "Leider ist auch diese Gattung nur von sehr spärlichen Resten bekannt, so das noch viele Details ihres Körperbaus unbekannt sind." Die Rekonstruktionszeichnung des Paläo-Künstlers Joschua Knüppe basiere daher auf ähnlichen, besser bekannten Sauropoden aus der Unterkreide. Mit einer geschätzten Körperlänge von zehn bis 15 Metern war er für einen Langhalsdinosaurier relativ klein. Die gefundenen Überreste lassen bislang aber keinen sicheren Schluss zu, ob es sich um ein ausgewachsenes Tier einer kleinwüchsigen Art oder ein Jungtier handelt. 

Fundstelle international bekannt
In der wissenschaftlichen Welt ist die Fundstelle mittlerweile international bekannt. Es arbeiten mehrere Teams von Wissenschaftler:innen parallel an der Analyse verschiedener Tiergruppen. "Die Reste der Tiere haben sich nur aus dem glücklichen Umstand erhalten, da sie vor 125 Millionen Jahren in ein unterirdisches Höhlensystem eingespült wurden. Hier sind sie tief unter der Erdoberfläche abgelagert worden und waren so bis heute gut geschützt", so Schwermann. Erst durch Steinbrucharbeiten wurde das Höhlensystem freigelegt. "Die Studie zeigt eindrücklich, welche erstaunlichen Ergebnisse aus den Fossilien erarbeitet werden können, auch wenn sie so fragmentarisch sind", so Schwermann. "Auch wenn die Fundstelle bei Balve nicht mit großen Knochen oder ganzen Skeletten aufwarten kann, aus den ausgegrabenen, meinst sehr unscheinbaren und häufig auch sehr kleinen Fossilien lassen sich mit den richtigen Methoden und dem entsprechenden Fachwissen dennoch viele Informationen erarbeiten. Ein Ende der Neuigkeiten aus der Zeit der Unterkreide bei Balve ist noch nicht in Sicht."

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