19. März 2021 / RUMS-Brief

Wir können den Pflegekräften helfen

Die Kolumne von Marina Weisband

Marina Weisband

Foto (Tibor Bozi): Marina Weisbands Kolumne erscheint (un)regelmäßig bei RUMS


Vor einem knappen Jahr standen abends Menschen auf ihren Balkonen und dankten Ärzt:innen und Pflegekräften mit Applaus für ihre Arbeit und ihren Einsatz. Das Land war sich einig darin, dass Menschen in Pflegeberufen bessere Arbeitsbedingungen brauchen und mehr Geld verdienen müssen. So schien es jedenfalls. Aber hat sich seitdem wirklich etwas verändert?

Die Uniklinik Münster meldete Ende Januar  in einer Pressemitteilung, sie sei „Arbeitgeber Nummer eins im Bereich Gesundheit und Soziales“. Es war das Ergebnis einer Umfrage, an der Mitarbeitende von 650 Firmen teilgenommen hatten. Die Uniklinik belegte in der Gesamtwertung Platz 20. Hugo van Aken, der Ärztliche Direktor der Klinik, sagte den Satz: „Wir haben festgestellt, dass in der Pandemie ein Teamgeist entstanden ist, mit dem wir so nicht gerechnet hatten.“

Unter den Pflegekräften ließ sich indes nicht nachvollziehen, wer an dieser Umfrage teilgenommen hatte. Der Hinweis auf den Arbeitgeber Nummer eins auf der Facebook-Seite der Klinik erregte so zahlreiche entsetzte und widersprechende Kommentare von dort arbeitenden Menschen, dass er komplett gelöscht wurde.

Keine Überraschung. Schon im vergangenen November war in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild entstanden. 69 Intensiv-Pflegekräfte hatten einen  offenen Brief an den Vorstand geschrieben, in dem sie Arbeitsbedingungen und Unterbesetzung als Gefahr für die Patient:innen beschrieben. In ihrem Brief hieß es: „Die aktuelle mediale Offensive und Selbstinszenierung als regionales ‚Corona-Zentrum‘ empfinden wir als Hohn.“ Die Klinikleitung wies die Vorwürfe zurück. Doch es blieb nicht bei diesem Brief. Der Personalrat  teilte später mit, mehrere hundert Beschäftigte hätten sich mit den Pflegekräften solidarisiert.

„Was sich bei uns verändert hat in einem Jahr, ist so schrecklich geworden, dass man es nicht mehr ertragen kann“, erzählte mir einer der Pflegenden. Die Arbeitszeit habe sich erhöht, Pausen werden gestrichen, man werde immer häufiger aus der Freizeit auf die Station gerufen und unabhängig von der eigenen Qualifikation auf Stationen eingesetzt, auf denen gerade Köpfe fehlen. Pflegende erzählen von Überstunden, im Flur vergessenen Patient:innen, von fabrikartiger Akkordarbeit. „Man sagt uns: Wenn man drei Patienten hat, muss man nicht mehr alle waschen”, sagte der Pflegende.

Hinter den Kulissen ging es weiter
Für ein Krankenhaus ist das eine existenzgefährdende Situation. Wer lässt sich schon gern in eine Klinik einliefern, vor der die eigene Belegschaft warnt?

Die Klinik widmete sich dann zunächst auch diesem Problem. Die Öffentlichkeit sollte von der Auseinandersetzung nichts mehr mitbekommen. Man habe eine Mediator:in eingeschaltet und werde zu diesem Thema keine Fragen mehr beantworten,  hieß es. Danach sah es aus, als hätten beide Seiten die Probleme zusammen gelöst. Jedenfalls hörte man nichts mehr davon.

Das hat sich nun geändert. In dieser Woche erschien in der Betriebszeitschrift „Herzflimmern“ eine Stellungnahme von Pflegekräften der Uniklinik, die einen anderen Eindruck nahelegen. Dieser Eindruck sieht so aus: Hinter den Kulissen setzte sich die Auseinandersetzung fort. Die Pflegekräfte gehen weiter auf dem Zahnfleisch. Sie schlagen seit Monaten Alarm. Nur eben nicht mehr öffentlich.

Die Verfasser:innen des Briefs sehen das Problem offenbar schon darin, dass dem Klinikvorstand das Verständnis für die Missstände fehlt. In dem angekündigten Dialog zwischen Vorstand und Pflegenden seien die Mitarbeitenden „rhetorisch angegangen“ worden, heißt es. Eine Pflegekraft sagte mir: „Wir wurden nur von zwei Vorständen ernst genommen und überhaupt angehört. Die anderen wollten uns nur runtermachen.“ Die Unzufriedenheit sei danach noch größer gewesen. Die Aussagen der Vorstände in den Medien hätten zunächst unmissverständlich gezeigt, „dass wir Pflegenden weder gehört noch ernst genommen wurden“.

Nach weiteren Gesprächen habe die Situation sich zunächst verbessert. So steht es in dem Schreiben. Der Vorstand habe „fünf Maßnahmen“ erarbeitet. Diese hätten „teilweise funktioniert“, seien aber auch „teilweise nicht durchgesetzt“ worden. Am Ende habe eine Umfrage gestanden. Ergebnis: 242 von 360 Beschäftigten der Intensivstationen hätten die Maßnahmen für „nicht annähernd ausreichend“ gehalten. Das Ergebnis habe man dem Vorstand mitgeteilt. Eine Reaktion sei ausgeblieben.

Eine Reaktion sei dagegen gekommen, als der WDR im Februar  einen Beitrag zum Thema sendete, in dem der Intensiv-Pfleger Jorit Meyer sagt: „Ganz einfach gesagt, wir haben im Moment Arbeitsbedingungen, die uns krank machen und die unsere Patienten gefährden.“ Leif Dryden aus dem Personalrat sagte zum bisher Erreichten: „Man muss eben leider feststellen, dass diese Versprechen, diese Ankündigungen so nicht eingehalten wurden.“

Deutschland verliert Pflegekräfte
In dem Brief der Pflegekräfte steht, in Folge des Beitrags habe man miterleben müssen, „wie ein geschätztes Mitglied unserer Gruppe über mehr als eine Woche lang massiv unter Druck gesetzt und letztlich außerordentlich und fristlos gekündigt wurde“. 

Eine Pflegekraft sagte mir: „Sie haben wahrscheinlich damit gerechnet, dass er alles macht, um seinen Job zu behalten, aber warum sollte er das als Krankenpfleger tun?“ Krankenpfleger:innen stehen in Deutschland alle Türen offen. Doch hinter den meisten Türen sieht es gleich aus.

Hier liegt das eigentliche Problem. Sogar wenn die Uniklinik hundert neue Pflegekräfte einstellen wollte, sie müsste sie erst einmal finden. Die Nachrichtenagentur  epd meldete in dieser Woche, Deutschland habe in der Pandemie Tausende von Pflegekräften in den Krankenhäusern und der Altenpflege verloren.

Die hohe Belastung und die schlechte Bezahlung machen den Beruf unattraktiv. Daran etwas zu ändern, ist nicht leicht. Das hat mit den Strukturen und der  Finanzierung des Gesundheitssystems zu tun. Ein basaler Zielkonflikt ist dabei die Gewinnorientierung von Krankenhäusern. Wo Betten so belegt werden, wie es rentabel ist und nicht, wie es dem Bedarf der Patient:innen entspricht oder der Belastbarkeit der Krankenpfleger:innen, entstehen schlechte Versorgung und schlechte Arbeitsbedingungen. Arbeitsbedingungen, die Nachwuchskräfte abschrecken. Sparen aber verschlimmert die Situation nur. Eine Pflegerin erzählt im Hintergrundgespräch: „Meine Tochter hat gesagt, dass sie auch Krankenschwester werden will. Und ich habe gesagt: ‘Bist du bescheuert?’ Vor fünf Jahren hätte ich das noch nicht gesagt.”

In der Altenpflege hätte ein bundesweiter Tarifvertrag die Situation der Pflegekräfte zumindest ein bisschen verbessert, durch höhere Mindestlöhne. Doch das scheiterte Ende Februar ausgerechnet an einem kirchlichen Wohlfahrtsverband, der Caritas. Dem Verband ging es aber offenbar nicht darum, Geld zu sparen. Er zahlt auch jetzt schon besser als viele andere. Die Zeit  erklärte das in einem Kommentar: Die Kirchen haben ein eigenes Arbeitsrecht. Sie dürfen ihre Arbeitsbedingungen selbst aushandeln. Ein Tarifvertrag für alle hätte  dieses Sonderrecht in Gefahr gebracht. Außerdem hat es für den Caritas-Verband durchaus Vorteile, wenn andere schlechter zahlen. Im Wettbewerb um die knappen Pflegekräfte macht es ihn als Arbeitgeber attraktiver.

Wieder einmal ging es nicht um die Interessen der Pflegekräfte, sondern um die eigenen. Das ist kein rein deutsches Problem. Die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften sind in vielen Ländern schlecht. Der  Weltverband der Krankenschwestern und Krankenpfleger berichtete in dieser Woche, durch den immensen Druck wollten immer mehr Pflegekräfte aus dem Beruf ausscheiden. Diesen Trend beobachte man in jedem fünften der insgesamt 130 Mitgliedsländer.

Wenn Fachkräfte knapp sind, könnte das die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen auf Dauer verbessern. Aber wenn es mitten in der Pandemie zu Kündigungswellen kommt, weil viele Menschen es nicht mehr aushalten, könnte sich das Problem kurzfristig dramatisch verschlechtern. Besonders natürlich für jene, die weiterarbeiten.

Es ist an der Zeit zu handeln
Der Mangel ist nicht nur bei den Pflegenden ersichtlich. „Es fehlt vorne und hinten an dem ganzen Krankenhaus. Es fehlen Ärzte und Pflegekräfte und sogar Putzkräfte! Warum müssen Pflegekräfte, die am Bett gebraucht werden, die Station putzen, weil es kein Personal gibt?“, fragt eine Pflegende. Eine andere erklärte, von der Regierung gebe es für Pflegekräfte mehr Geld als für anderes Personal. Im Zuge dessen wurde in gewinnorientierten Kliniken, so auch an der Uniklinik, jede Menge Hilfspersonal abgebaut. Die Pflegenden müssen dann jeden ersetzen, der zum Beispiel durch Krankheit ausfällt: Reinigung, Service, Sekretariat, Ergotherapie und so weiter, unabhängig von ihrem eigentlichen Aufgabenprofil. Das erhöht die Belastung und zieht sie von Betten weg, an denen sie dringend gebraucht werden.

Die Verfasser:innen der Stellungnahme betonen, es gehe ihnen um Solidarität, nicht um Eskalation. Sie wollten der Klinik in keiner Weise schaden. Doch sie kritisieren „die Art der Machtausübung und Instrumentalisierung, deren Zeugen wir nun alle wurden“. Das sei „nicht akzeptabel“ und dürfe nicht verschwiegen werden. Auch in den anonymen Gesprächen mit der Presse betonen Mitarbeiter:innen immer wieder, dass sie eigentlich gern im Beruf arbeiten und auch die Uniklinik als Arbeitsort mögen. Sie wollen die Stelle nicht wechseln, sie wollen ihre Arbeitgeber nicht schlecht machen. Sie wollen Alarm schlagen, weil sie ihre Gesundheit und die der Patient:innen in Gefahr sehen.

„Wenn ein Vorstand diese Berichte und Hilferufe nicht anerkennen kann und will, sie herunterspielt und relativiert, statt uns entgegenzukommen und ernst zu nehmen, dann ist es an der Zeit, selbst zu handeln“, schreiben sie.

Mit diesem Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen, ist der erste Schritt, um öffentlichen Druck zu erzeugen. Das ist für alle Beteiligten gefährlich, denn der eigene Job steht auf dem Spiel. Doch es ist der einzige Weg, der zu Veränderungen führt. Klinken wollen über Bezahlung und Arbeitsbedingungen lieber im Stillen mit einzelnen Pflegekräften verhandeln, denn so können sie ihre Interessen leichter durchsetzen. Aber auch die Kliniken stecken in den Strukturen. Deswegen braucht es öffentlichen Druck, um auf der Ebene darüber etwas zu verändern, in der Politik.

Je mehr Pflegekräfte und Unterstützer:innen sich zusammentun, desto schwerer wird es Kliniken fallen, Druck nach innen auszuüben. Und desto schwerer wird es Politiker:innen fallen, unangenehme Entscheidungen aufzuschieben.

Dieser Druck beginnt zu wachsen. An der Uniklinik gibt es zwei Gruppen, die voneinander unabhängig agieren. Die eine versucht, an den Missständen innerhalb der Klinik etwas zu ändern. Die andere macht klinikübergreifend Kampagnen für bessere Pflege, wie zum Beispiel  Münster Cares. Und damit ist sie in Deutschland nicht allein.

Über 325.000 Menschen haben eine  Petition an den Bundestag unterschrieben. Sie wollen bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Mehr Zeit für Patient:innen, verlässliche Arbeitszeiten, höhere Gehälter, Weiterqualifizierungen. Und sie wollen, dass falsche ökonomische Anreize beseitigt werden. Dass es nicht vor allem um Geld geht, sondern vor allem um die Pflege. Das  Netzwerk Care Revolution erhebt in seinem  Freiburger Aufruf ganz ähnliche Forderungen.

Wer dabei helfen möchte, politischen Druck aufzubauen, muss aber nicht unbedingt einem Netzwerk beitreten oder eine Petition unterschreiben. Es hilft schon eine Nachricht an Politiker:innen oder Parteien, in der steht, dass dieses Thema wichtig ist. Das klingt nicht nach viel. Aber wenn viele das machen, kann es große Wirkung entfalten. Zur Erinnerung: Am 26. September ist Bundestagswahl.


Über die Autorin
Marina Weisband ist Diplom-Psychologin und in der politischen Bildung aktiv. Beim Verein „politik-digital“ leitet sie ein Projekt zur politischen Bildung und zur Beteiligung von Schülern und Schülerinnen an den Regeln und Angelegenheiten ihrer Schulen („aula“). Außerdem ist sie Co-Vorsitzende des  digitalpolitischen Vereins D64. Von Mai 2011 bis April 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Heute ist sie Mitglied der Grünen. Sie lebt in Münster.

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