2. Juni 2021 / RUMS-Brief

Warten auf die Schul-iPads

Wann kommt der Durchbruch an Münsters Schulen?

Digitalisierung an Schulen

Eine der häufigsten Floskeln der Corona-Pandemie geht so: Wenigstens ist es mit der Digitalisierung jetzt mal vorwärts gegangen, auch an den Schulen. Mit Digitalisierung ist meistens die digitale Ausstattung gemeint. Möglichst viele Schüler:innen sollen einen Computer oder ein Tablet benutzen können. Dass da noch viel Luft nach oben ist, ist nicht nur ein Gefühl, sondern mit Zahlen belegbar. Eine  Sonderauswertung der Pisa-Studie hat zum Beispiel ergeben, dass es in Deutschland rechnerisch gerade mal sechs Computer pro zehn Schüler:innen gibt. Zum Vergleich: Der Durchschnitt in den 37 OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) liegt bei 8,5 Computern pro zehn Schüler:innen. In den USA und Großbritannien sind es sogar 15 Geräte, dort kann jede:r Schüler:in im Schnitt also mehr als ein Gerät benutzen.

Und von den wenigen Computern, die in deutschen Schulen stehen, machen die meisten tatsächlich genau das: Sie stehen dort. Nur ein Viertel sind mobile Geräte, mit denen die Kinder und Jugendlichen auch zuhause arbeiten können. Die Zahlen sind von 2018, aber den großen Durchbruch gab es seitdem nicht.

In Münster soll dieser Durchbruch jetzt endlich kommen. Die Koalition aus Grünen, SPD und Volt hatte im Februar im Schulausschuss beantragt, dass für die Schüler:innen an den allgemeinbildenden Schulen 11.700 iPads plus Zubehör angeschafft werden sollen (die Berufskollegs wurden in dem Antrag nicht berücksichtigt). Im März gab der Rat dafür 6 Millionen Euro frei. Laut den Plänen des Ratsbündnisses sollen alle Schüler:innen ab Klasse 8 sowie alle Lehrer:innen ein persönlich zugeordnetes iPad als Leihgerät bekommen. Dazu kommen halbe Klassensätze für die Stufen 1 bis 7, also ein iPad für jede:n zweite:n Schüler:in, die dann nach Bedarf im Unterricht verwendet und ausgeliehen werden können. Nach dem Schulabschluss sollen die Schüler:innen die Geräte zurück- und an den nachrückenden Jahrgang weitergeben.

Die iPads sind noch nicht einmal auf dem Weg nach Münster
Das Ganze ist als Sofortprogramm gedacht. Die Verwaltung sollte die Geräte bestellen und den Schulen „schnellstmöglich, aber spätestens bis zum Schuljahresbeginn“ zur Verfügung stellen. Falls Sie keine schulpflichtigen Kinder haben: Das neue Schuljahr beginnt am 18. August. Vom Ratsbeschluss an sollte die Stadtverwaltung also fünf Monate Zeit haben, 11.700 Geräte zu bestellen und so einzurichten, dass die Schüler:innen damit arbeiten können. Wenn Ihnen das sportlich vorkommt, setzen Sie sich jetzt besser mal hin. Denn: Von diesen 11.700 iPads ist noch kein einziges da. Sie sind noch nicht einmal auf dem Weg.

Der Grund dafür ist, dass die Stadt die iPads nicht einfach bestellen kann. Sie muss den Auftrag ausschreiben, Angebote von verschiedenen Zulieferunternehmen sichten und mit einem davon einen Vertrag schließen. Erst dann können die Geräte überhaupt bestellt werden. Das europaweite Ausschreibungsverfahren endet voraussichtlich diese Woche, wie uns Michael Möhring sagte. Möhring arbeitet beim städtischen IT-Dienstleister Citeq und leitet das Team  Citeq@School, das sich unter anderem um Computer, Internetanschlüsse und Server an den Schulen in Münster kümmert. Erst wenn feststeht, welches Unternehmen die iPads liefern wird, können die IT-Expert:innen einen exakten Zeitplan aufstellen.

Citeq-Team vergrößert, aber immer noch zu klein
Wann alle iPads bei den Schüler:innen ankommen werden, lässt sich also noch nicht genau sagen. Michael Möhring hat uns aber einen Erfahrungswert genannt, der zumindest eine Vorstellung davon vermittelt, wie lange so etwas dauern kann. Das Citeq-Team hat vor Kurzem nämlich schon 3.000 iPads für Lehrer:innen bestellt. Acht Wochen Lieferzeit waren dafür eingeplant, am Ende waren es elf. In elf Wochen sind die Sommerferien fast vorbei, und es geht jetzt ja um deutlich mehr Geräte. Der Plan „spätestens bis zum Schuljahresbeginn sollen alle Geräte da sein“ dürfte also kaum zu halten sein.

Die iPads werden übrigens nicht direkt an die Schulen geliefert, sondern erst einmal an die Citeq. Dort werden sie ins hauseigene Wartungssystem eingecheckt: Die Mitarbeiter:innen müssen die Seriennummern der Tablets eintragen und jedes iPad kurz einschalten, dadurch verbindet es sich selbstständig mit dem Citeq-System. Anschließend gehen die Tablets mit einer Minimalausstattung an die Schulen, für mehr ist keine Zeit. Später kann das Citeq-Team per Fernwartung auf die Geräte zugreifen (allerdings nicht auf die persönlichen Inhalte der Nutzer:innen) und auf Wunsch der Schulen Apps für den Unterricht ergänzen. Die Schüler:innen und Lehrkräfte können dann auch selbst weitere Programme für den Unterricht aus einem internen App-Store herunterladen.

Um mit den vielen Tausend Geräten fertigzuwerden, wurde das Team Citeq@School um insgesamt sechs Stellen aufgestockt, jeweils drei für die Geräte der Lehrkräfte und die der Schüler:innen. Davon konnten allerdings erst zwei besetzt werden, sagt uns Citeq-Leiter Stefan Schoenfelder: Eine neue Fachkraft ist seit einer Woche dabei, ein zweiter Mitarbeiter kommt im Juli.

Die letzten Schulen werden wohl erst im Herbst beliefert
Mehr Mitarbeiter:innen, die explizit für die neuen iPads zuständig sind, gibt es noch nicht. Bisher hat das Stammpersonal der Citeq die Verteilung und Betreuung der Geräte gestemmt. Michael Möhring und zwei weitere IT-Fachkräfte haben die iPads für die Lehrkräfte eingerichtet, meist half wochenweise eine vierte Person aus dem Team mit. Die Kolleg:innen wechselten sich damit ab, damit sie weiterhin auch die übrigen Aufgaben der Schul-IT erledigen konnten – zum Beispiel die Betreuung bereits vorhandener Geräte und der Schulserver sowie den Ausbau des Breitbandnetzwerks.

Wenn die neuen Schüler:innen-iPads ankommen, sollen die beiden neuen Mitarbeiter:innen zuständig sein, mit Unterstützung von Michael Möhring und ein bis zwei weiteren Kolleg:innen. Laut Citeq sollen die Geräte möglichst gestaffelt geliefert werden, rund 1.600 pro Woche. Sind die Lieferzeiten jetzt ähnlich lang wie bei der Bestellung der Lehrer:innen-Tablets, könnten die ersten Schulen ihre Geräte im Juli oder August bekommen – beziehungsweise möglichst abholen, denn auch fürs Ausliefern fehlt der Citeq die Zeit. Die letzten Schulen wären sieben Wochen später dran, also im September oder Oktober.

Einige Schulen brauchen die Tablets besonders dringend
Bis dato war die digitale Ausstattung an den Schulen sehr verschieden. Auf der einen Seite des Spektrums gibt es Schulen wie die Marienschule oder das Gymnasium Paulinum, die schon länger eigene iPad-Klassen aufgebaut haben. Oder die Gesamtschule Münster Mitte, die in den Stufen 11, 12 und 13 voll auf ein digitales Konzept mit (bisher) elternfinanzierten iPads setzt und in der Kategorie in der Kategorie „Selbstorganisiertes Lernen ermöglichen“ gerade mit dem  Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Diese Schulen stehen jetzt vor einem Problem: Sie brauchen für die nachrückenden Jahrgänge neue Geräte, die sie eigentlich selbst gebündelt im Auftrag der Schüler:innen beziehungsweise ihrer Eltern bestellen wollten. Das haben sie natürlich gestoppt, nachdem die städtischen iPads angekündigt wurden. Und sind jetzt darauf angewiesen, dass die zentral beschafften Geräte rechtzeitig ankommen. Die Gesamtschule etwa hat sich deshalb von der Citeq schriftlich zusichern lassen, dass die iPads spätestens zum ersten Schultag da sind.

Etliche andere Schulen waren bisher im digitalen Bereich nicht besonders stark aufgestellt, etwa die meisten Grundschulen und laut Berichten von Schüler:innen auch einzelne Gymnasien. In einigen Gesprächen haben wir hier den Eindruck gewonnen, dass diese Schulen mit einer Art naivem Optimismus auf die neuen Geräte warten. Für sie ist es nicht so entscheidend, wann genau diese ankommen, auch weil es noch keine ausgereiften pädagogischen Konzepte gibt. Wenn die iPads in diesen Schulen ankommen, werden sie also wohl nicht unmittelbar zum Einsatz kommen. Viele Lehrkräfte werden sich erst einarbeiten müssen.

Mehr iPads, als die Citeq später betreuen kann
Auch für die Citeq enden die Herausforderungen nicht mit der Auslieferung der Geräte. Denn die Mitarbeiter:innen müssen die iPads ja langfristig betreuen und regelmäßig warten. Sie müssen Updates installieren und helfen, wenn Probleme und Fehler auftauchen. Laut Michael Möhring werden gerade mehr Geräte ausgegeben, als sein Team später wirklich gut betreuen kann. Jedenfalls in der jetzigen Besetzung. Wenn im Herbst alle iPads angekommen und bei der Citeq erfasst sind, wird das Team nämlich knapp 25.000 Schüler:innen- und Lehrer:innen-iPads betreuen. Etliche Tausend Tablets liegen schließlich jetzt schon in den Schulen, zum Beispiel 5.300 Schüler:innen-Tablets, die in den letzten Monaten über den  Digitalpakt Schule von Bund und Land und das  Landesprogramm Digitale Sofort Ausstattung bestellt wurden. Dazu kommen iPad-Klassensätze, die viele Schulen schon in den vergangenen Jahren angeschafft hatten. Und Tablets, die Eltern gekauft haben und die jetzt auch von der Citeq verwaltet werden sollen, damit alle Schüler:innen dieselbe Software nutzen können.

Insgesamt werden es im Herbst knapp zehnmal so viele Endgeräte wie im September 2020, wie  dieses Diagramm zeigt. Ob das reibungslos klappt, wenn eines Tages auch die vier noch offenen Stellen besetzt sind, konnte oder wollte Michael Möhring selbst noch nicht eindeutig sagen.

Das liegt wohl auch daran, dass der IT-Dienstleister noch gar nicht genau weiß, was da auf ihn zukommt. Wartung und Betreuung der Geräte sollen über ein Ticket-System und eine eigene iPad-Hotline laufen. Wie viel Zeit die Tablets in Anspruch nehmen werden, wird sich laut Michael Möhring erst im laufenden Betrieb zeigen. Natürlich habe man sich in anderen Städten erkundigt, aber die Angaben seien zu unterschiedlich gewesen, um eine verlässliche Prognose zu treffen.

In vier bis sechs Jahren kommt jedenfalls noch einmal richtig viel Aufwand auf das Citeq-Team zu. Dann werden die jetzt bestellten iPads ausgedient haben und die Stadt muss neue anschaffen, sofern die Schüler:innen dann weiterhin mit solchen Tablets arbeiten sollen. Dafür gibt es aber noch keine Pläne.

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