5. April 2025 / Bildung & Wissenschaft

Urzeitliche Seekatze nach Udo Lindenberg benannt

LWL veröffentlicht besonderen Fund in wissenschaftlicher Publikation

Foto (De MuseumFabriek/Astrid Hage): Die Kauplatten der neubeschriebenen Chimärenart Stoilodon lindenbergi aus Gronau im Museum "De Museumsfabriek" in Enschede, wo sie aufbewahrt werden.

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster hat in der neuen Ausgabe seiner Zeitschrift "Geologie und Paläontologie in Westfalen" einen Artikel veröffentlicht, der eine Ehrung des Musikers Udo Lindenberg beinhaltet. Wissenschaftler des Landesmuseums Hannover, des Naturkundemuseums Bielefeld und des Museums Natura Docet in Denekamp, Niederlande, haben in den historischen Beständen des Museums "De Museumfabriek" im niederländischen Enschede einen besonderen Fund gemacht: eine bislang unbekannte Art von Seekatze mit dem neuen Namen "Stoilodon lindenbergi". Das rund 140 Millionen Jahre alte Fossil stammt aus einer Tongrube in Gronau (Kreis Borken), dem Geburtsort Lindenbergs.

"Diese aktuellen Forschungsergebnisse zeigen, dass es sich lohnt genau hinzuschauen. Historische Bestände sind noch immer gut für Überraschungen", so Dr Achim Schwermann vom LWL-Museum für Naturkunde. Für das Wissenschaftler-Team stand fest, dass dieses seltene Fossil einen besonderen Namenspaten braucht. Schwermann: "In der Wissenschaft gibt es nicht viele Möglichkeiten, um verdiente Persönlichkeiten zu ehren." Christian Nyhuis, Mitautor der Studie zur neuentdeckten Seekatze: "Wer käme da besser in Frage als der gebürtige Gronauer Udo Lindenberg? So haben wir die neue Art kurzerhand auf den Namen Stoilodon lindenbergi getauft."


Spekulative Rekonstruktion der neuen Chimärenart Stoilodon lindenbergi aus Gronau. Da nur die Kauplatten bekannt sind basiert sie auf dem Erscheinungsbild nahe verwandter Arten. Zeichnung: Jahn Hornung 

Die Ziegelei-Tongrube Gerdemann in Gronau, auch bekannt als "Gronauer Schieferkuhle", war eine klassische Fundstelle für Fossilien aus der unteren Kreidezeit vor etwa 140 Millionen Jahren. Insbesondere der Fund einer über drei Meter langen Meeres-Echse, des Plesiosauriers Brancasaurus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte sie unter Fachleuten bekannt.

Schon seit mehr als 100 Jahren ist die Tongrube inaktiv und mit Wasser geflutet. Aus diesem Grund können heutzutage keine Fossilien mehr aus der "Gronauer Schieferkuhle" geborgen werden. Das Fossil lag bereits seit Jahren in der Museumssammlung in Enschede. Nun hat das Team um den Geologen Jahn Hornung (Landesmuseum Hannover) festgestellt, dass es sich bei dem fälschlicherweise zunächst als Schildkröten-Panzer klassifizierten Fossil aus Gronau stattdessen um Zahnplatten einer Seekatze handelt.

Hintergrund
Seekatzen sind, wie Haie und Rochen, Knorpelfische. Da Knorpel nur sehr schlecht versteinert, sind vollständige Fossilfunde von Seekatzen selten. Etwas häufiger sind Funde ihrer sogenannten Zahnplatten. Dies sind in ihrer Form charakteristisch und können dazu verwendet werden, fossile Seekatzen zu klassifizieren, von denen sonst keine weiteren Reste bekannt sind.

Die Platten bestehen nicht ausschließlich aus Knorpel, sondern auch aus Dentin und einer schmelzartigen Substanz und können somit leichter versteinern. Die Beute heute lebender Seekatzen besteht meist aus hartschaligen Organismen wie Krebsen, Muscheln und Schnecken. "Hierin liegt eine Besonderheit der neuen Art aus Gronau. Ihre Zahnplatten waren nicht zum Zerquetschen von Beute geeignet. Vielmehr waren es Schneidwerkzeuge. Offenbar war die Gronauer Seekatze auf das Ergreifen von weicher, glitschiger Beute spezialisiert" so Hornung.

Heute lebende Vertreter der Seekatzen kommen in allen Weltmeeren vor und bewohnen dort größere Wassertiefen. Sie besitzen meist spitz zulaufende Nasen und ihr Körper läuft in einen langen, dünnen Schwanz aus. Das für Fische ungewöhnliche Erscheinungsbild brachte ihnen auch den Namen "Chimäre" ein, was in der griechischen Mythologie ein Mischwesen beschreibt.

In der unteren Kreidezeit, als die Dinosaurier die Erde bevölkerten, lag Gronau in einem Brackwassersee, ähnlich der heutigen Ostsee, der nur eine schmale Passage zum offenen Meer besaß. Alle bisher bekannten Vertreter der Seekatzen sind reine Meeresbewohner. "Die Gronauer Seekatze fühlte sich somit offensichtlich auch in einer Mischung aus Salz- und Süßwasser wohl. Das ist ebenfalls einmalig" ergänzt Sven Sachs vom Naturkundemuseum Bielefeld, Mit-Autor der nun veröffentlichen Studie.

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