15. April 2025 / Bildung & Wissenschaft

„Familien können eine Ressource und gleichzeitig ein Risikofaktor sein“

Neuer Podcast: Soziologe und Kriminologe Jens Struck über Clankriminalität

Foto (Uni MS - Linus Peikenkamp): Dr. Jens Struck beschreibt im Podcast das Phänomen der sogenannten Clankriminalität. 


Bei vielen Menschen wird der Begriff Clan ausreichen, um einen bestimmten Zusammenhang im Kopf herzustellen – die Verbindung zu organisierter Kriminalität. Zu Recht? Oder handelt es sich um Vorurteile? Misst man die sogenannte Clankriminalität allein auf Basis von Familiennamen, kann dies zu verzerrten und ungenauen Zahlen über Straftaten führen. Es entstehe ein „diffuses Bild“ – Familien würden als Ganzes unter einen Generalverdacht gestellt, was mitunter zu unberechtigten Verdächtigungen führe, kritisiert der Soziologe und Kriminologe Dr. Jens Struck vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster mit Blick auf das jährlich veröffentlichte „Lagebild Clankriminalität“ des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen. „Daher bezweifle ich, dass sich über Familiennamen konkrete Kriminalitätsformen messen lassen“, betont der Wissenschaftler. Im Gegenteil: Der Ansatz fördere die Assoziation von Kriminalität und Clans, also großen Familienverbünden mit gemeinsamer ethnischer Herkunft. „Das hat zur Folge, dass viele Menschen auch zwischen der Migration und Kriminalität automatisch eine direkte Verbindung ziehen“, gibt Jens Struck in der neuen Folge des „Umdenken“-Podcasts zu bedenken.

Das Problem bestehe vor allem darin, dass es keine einheitliche Definition des Begriffs Clankriminalität gebe. Oft würden Bagatelldelikte mit schwerwiegenden Formen der Organisierten Kriminalität vermischt. Darum sei es wichtig, konkret zu bestimmen, was in den Lagebildern erfasst werden soll. „Der Einfluss von Familienmitgliedern auf kriminelle Handlungen lässt sich am besten über die Art und Weise des Tatvorgehens ermitteln“, erklärt Jens Struck. Waren etwa Familienmitglieder an der Tat beteiligt? Haben sie bei der Planung der Tat unterstützt? Handelt es sich um organisierte Kriminalität oder um eine Affekthandlung, die vorab nicht intendiert war? „Durch diese Informationen bekommt die Polizei ein präziseres Bild über den Zusammenhang zwischen einer Tat und der Familienzugehörigkeit als durch statische Faktoren wie Familiennamen“, unterstreicht der Experte.

Gleichwohl gebe es unabhängig von der Herkunft einen Zusammenhang zwischen familiären Einflüssen und Kriminalität. Studien zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit für straffälliges Verhalten bei Kindern mit kriminell auffälligen Eltern etwa 2,4-mal höher sei. „Familien können eine Ressource und gleichzeitig ein Risikofaktor sein: Sie geben einerseits Halt und Bindung, andererseits können familiäre Einflüsse, Ausgrenzung oder Gewalt zu kriminellem Verhalten führen“, erläutert Jens Struck. Daher plädiert er für eine ausgeprägtere Kriminalprävention für Kinder und Jugendliche. Wirksame, evaluierte Präventionsprogramme sowie frei zugängliche Freizeitangebote wie Jugendtreffs oder Vereinssport sollten ausgebaut werden, um möglichst viele junge Menschen sozial zu integrieren. Der münstersche Experte erinnert in diesem Zusammenhang an die These des bedeutenden Strafrechtswissenschaftlers Franz von Liszt: „Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik.“

Umdenken – der Podcast der Universität Münster
Im Podcast der Universität Münster kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort. Sie berichten über ihre Forschungsschwerpunkte, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre persönliche Motivation. Alle Folgen sind auf Spotify, Deezer, Apple Podcasts und unter folgendem Link zu hören: https://www.uni-muenster.de/kommunikation/podcast/index.html

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