28. Oktober 2023 / Bildung & Wissenschaft

„Es drängt sich der Eindruck auf, dass problematische Inhalte zugenommen haben“

Ein Jahr Twitter unter Elon Musk: Wie der Kommunikationswissenschaftler Jakob Jünger die Entwicklung beurteilt

Jünger

Foto (privat): Dr. Jakob Jünger ist Juniorprofessor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Dort forscht er am Arbeitsbereich „Digital Media & Computational Methods“ und ist Sprecher des Zentrums zur Erforschung digitalisierter Öffentlichkeiten. 


Vor einem Jahr, genau am 27. Oktober 2022 übernahm der aus Südafrika stammende Unternehmer Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter für 44 Milliarden US-Dollar. Seitdem hat es viele Schlagzeilen rund um die Social-Media-Plattform gegeben. Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Jakob Jünger von der Universität Münster erläutert im Interview mit André Bednarz, wie er die Entwicklungen des inzwischen in „X“ umbenannten Dienstes beurteilt und was er in Zukunft erwartet.

Was hat sich seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk verändert?
Online-Plattformen spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Nachrichten, für thematische Diskussionen und die Wissensvermittlung, aber auch für die Entstehung sozialer Bewegungen und für die Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Sie sind damit ein Ort, an dem Gesellschaft und Gemeinschaft entsteht und nicht zuletzt politische Meinungsbildung stattfindet. Die Übernahme hat vor allem gezeigt, dass Plattformen wie Twitter/X stark von den Vorstellungen einzelner Personen abhängen. Elon Musk bestimmt mit seinen persönlichen Vorlieben die Regeln der Kommunikation für viele, ohne dass diese Regeln in die demokratische Entscheidungsfindung eingebunden sind. 

Sie sehen also das Problem mangelnder Legitimität?
Ja, aber dieses Problem besteht auch auf anderen Plattformen wie den von Meta oder Google betriebenen Diensten. Wenn Technologieunternehmen nicht nur die technische Vermittlung von Kommunikation ermöglichen, sondern Medienfunktionen übernehmen, entstehen vielfältige Regelungsbedarfe. Wer hat Zugang und wer sollte ihn haben dürfen? Welche Inhalte sind erlaubt und welche nicht? Wie werden Persönlichkeitsrechte und Urheberrechte gesichert? Nicht immer entsteht der Eindruck, dass die Unternehmen und ihre CEOs diesen Regelungsbedarfen gerecht werden können – das zeigt sich jetzt insbesondere bei Twitter/X.

Haben Sie den Eindruck, dass Twitter/X transparent vorgeht?
Nein, ganz und gar nicht. Zu beobachten waren umfangreiche Entlassungen von Mitarbeitern, wovon offenbar auch die Teams zur Moderation und zum ethischen Umgang mit Inhalten betroffen waren. Gleichzeitig hat Twitter/X den von anderen Plattformen unterstützten Code of Practice on Disinformation aufgekündigt und den Datenzugang für die Wissenschaft deutlich erschwert. Stattdessen ist es mittlerweile möglich, gegen Geld Kennzeichnungen zu erwerben, aufgrund derer Inhalte besser verbreitet werden. Das war vormals nur für organisch verifizierte Accounts möglich und wird nun anscheinend nicht nur von sympathischen Akteuren genutzt. 

Hat sich das Kommunikationsgebaren auf X im Vergleich zur Vor-Musk-Zeit verändert?
Aus der Berichterstattung und aus persönlichen Gesprächen drängt sich der Eindruck auf, dass die Verbreitung von problematischen Inhalten wie Desinformation und diskriminierenden Äußerungen seit dem vergangenen Jahr zugenommen hat. Vormals aus entsprechenden Gründen gesperrte Accounts – etwa der von Donald Trump – sind wieder online und die Maßnahmen zur Moderation problematischer Inhalte sind augenscheinlich zurückgefahren worden. Nach dem jüngsten Angriff der Hamas auf Israel ist X auch verstärkt in den Fokus der EU-Kommission geraten, da Anzeichen für eine Verbreitung von politisch wie menschenrechtlich problematischer Propaganda vorliegen.

Sie nutzen selbst Begriffe wie „augenscheinlich“ und sagen, dass „Anzeichen“ für etwas vorliegen. Das klingt nicht nach gesicherten Informationen …
Nein, gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse sind nur sehr schwer zu gewinnen. Das liegt auch daran, dass Forscher kaum noch Zugang zu den nötigen Twitterdaten haben. Die über viele Jahre stabilen Datenschnittstellen, die für akademische Forschung genutzt wurden, sind stark eingeschränkt worden. Und die dafür aufgerufenen Preise übersteigen die Möglichkeiten typischer steuerfinanzierter wissenschaftlicher Forschung. Zu hoffen ist zumindest in Europa, dass auch Unternehmen wie X zukünftig zu einer besseren Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen gebracht werden können. Dafür sind Regelungen im europäischen Digital Services Act vorgesehen, die bis Anfang des nächsten Jahres gestaffelt in Kraft treten.

Medien melden deutlich rückläufige Werbeeinnahmen für Twitter und Nutzer, die dem Kurznachrichtendienst den Rücken kehren. Schwindet die Bedeutung von X?
Viele Nutzer haben die Plattform verlassen. Auch für Werbetreibende und Organisationen, die ihre PR über Twitter betrieben haben, ist ein toxisches Umfeld kaum förderlich. Allerdings gibt es keine richtige Alternative. Kommunikationsplattformen und eben auch soziale Netzwerkseiten wie Twitter funktionieren durch Netzwerkeffekte: Der Nutzen einer Plattform steigt, wenn sie viele Nutzer hat, die sich dort gegenseitig erreichen können. Das Netzwerk baut sich langsam auf. Nutzer, die nun zu Alternativen wie Mastodon oder im wissenschaftlichen Kontext zu Bluesky gewechselt sind, müssen dort die sozialen Netze erst wiederaufbauen. Zudem sind dezentrale Dienste wie Mastodon komplizierter in der Handhabung. Kommerzielle Unternehmen investieren jahrelang in die Nutzbarkeit der Apps, mit deutlich höheren Budgets und mehr Entwicklern als Open-Source-Projekte, und die Nutzer gewöhnen sich daran. Wie sich die Bedeutung von X entwickeln wird, bleibt deshalb abzuwarten.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen X zur Vernetzung und zum Wissensaustausch. Welche Rolle hat X für ihre Vernetzung und die Wissenschaftskommunikation heute?
In der Wissenschaft wird Twitter/X zum Austausch untereinander genutzt, indem sich Kolleginnen und Kollegen beispielsweise länderübergreifend wechselseitig auf neue Studien, Erkenntnisse oder Veranstaltungen hinweisen und sich zu aktuellen Fragen austauschen. Aber auch ein Transfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft findet hier statt, auf Twitter sind viele Journalistinnen und Journalisten anzutreffen. Auch wenn sich etliche Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und wissenschaftliche Einrichtungen immer weiter aus Twitter zurückziehen und ihre Aktivitäten zum Beispiel zu Mastodon oder dem twitterähnlichen Bluesky verlagern, findet dieser Austausch bislang weiter statt ... 

… aber die Reichweite nimmt ab …
Das stimmt. Hinzu kommt eine persönliche Beobachtung: Da niemand die gesamte Kommunikation auf einer Plattform verfolgen kann, sind algorithmisch gesteuerte Benachrichtigungen über das Empfehlungssystem der Plattform wichtig, um die relevanten Inhalte mitzubekommen. Diese Algorithmen haben sich anscheinend geändert, in die Benachrichtigungen mischen sich mittlerweile mehr kommerzielle und irrelevante Meldungen. Ich habe den Eindruck, dass mich relevante Inhalte weniger erreichen.

Wie geht es Ihrer Ansicht nach mit X weiter?
Elon Musk demontiert eine lange Zeit vergleichsweise stabile Plattform und baut neue Mechanismen auf. Sie wird dadurch zu einer neuen Plattform mit anderen Regeln und einer anderen Nutzerbasis. Inwiefern sich diese neue Plattform halten kann und wofür sie genutzt wird, ist nicht abzusehen. Wir wissen aus der Geschichte des Internets, dass Plattformen kommen und gehen und selbst die aktuell etablierten Dienste irgendwann in Vergessenheit geraten können.

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