13. April 2021 / RUMS-Brief

Die großen Aufgaben der Stadtwerke

Die Kolumne von Michael Jung

Michael Jung

Foto (© privat): Michael Jung


Es ist wieder ruhiger geworden am Hafenplatz. Nachdem 2018 mit großem Getöse die komplette Geschäftsführung an die frische Luft gesetzt wurde, sind die Stadtwerke aus den Schlagzeilen gekommen. Trotzdem sind die Herausforderungen für das wichtigste und größte städtische Unternehmen gewaltig – hier nämlich entscheidet sich, ob Verkehrs- und Energiewende in der Stadt gelingen. Hier wird auch die Digitalisierung der Stadt gemacht – oder eben nicht.

Als es 2018  zum großen Knall kam, konnte man den Eindruck gewinnen, die Stadtwerke hätten ein personelles Problem in ihrer Geschäftsführung gehabt, und nach dessen Eskalation und Lösung laufe alles wieder wie am Schnürchen. Das ist aber nur eine Legende. Die Probleme der Stadtwerke reichen tiefer und auch weiter in die Vergangenheit zurück.

In den Jahren nach 2000 sind strategische Fehlentscheidungen von enormer Reichweite getroffen worden. Sie belasten noch heute die Zukunft des Unternehmens. Zum einen war da der Versuch, die Stadtwerke in Teilen zu privatisieren. Ein Unterfangen, das 2002 von den Wähler:innen  in Münster gestoppt wurde. 

Wie richtig das war, zeigen viele andere Städte, die gerade eigene Stadtwerke zurückkaufen oder neu gründen, um die Energiewende lokal gestalten zu können. Dieser große Fehler wurde zwar verhindert, doch was blieb, war eine schwierige Stand-alone-Position der Stadtwerke. Man schwankte danach zwischen einer halbherzigen Kooperation mit Osnabrück und der Strategie, aggressiv Kund:innen im Münsterland abzuwerben. 

Leider war dies der einzige strategische Großfehler, der verhindert werden konnte.

Das Geld landete bei RWE
Voll ins Kontor schlug die Strategie, die Stadtwerke als Juniorpartner von RWE an einem Kohlekraftwerk in Hamm zu beteiligen („Black Gekko“). Die Abwicklung dieser Beteiligung an einem Kraftwerk, das auch technisch scheiterte, gelang erst nach Jahren mit einem finanziellen Schaden von rund 40 Millionen Euro. Dieses Geld fehlt den Stadtwerken noch heute für wichtige Investitionen.

Fatal war auch der Verkauf der stadtwerkeeigenen Telekom-Tochter Citykom im Jahr 2006 an den Konzern, der damals Versatel hieß. Für die Stadtwerke sei dieses Geschäftsfeld nicht zukunftsträchtig, hieß es damals. Zur gleichen Zeit begann die Stadt Gelsenkirchen, das Stadtgebiet flächendeckend mit Glasfaser zu erschließen.

Dass es Münster dabei auch noch gelang, die Muenster.de-Mailadressen zu privatisieren – nur eine Posse am Rande.

Dann bauten die Stadtwerke für einen sehr hohen zweistelligen Millionenbetrag ein Gas-Kraftwerk am Hafen, das seit Jahren quasi außer Regelbetrieb ist, weil es sich kaum wirtschaftlich betreiben lässt. Am Ende beteiligten die Stadtwerke sich an einem Gemeinschaftsprojekt von 26 städtischen Versorgern und einer RWE-Tochter. Es hieß „Green Gecco“ und sollte in RWE-Projekte auf dem Markt für erneuerbare Energien investieren.

Statt eigene Projekte auf dem Stadtgebiet voranzutreiben, sollte das Geld also irgendwo bei RWE landen. Der damalige Geschäftsführer fand nach dem Ruhestand noch eine Anschlussverwendung als dritter Geschäftsführer von Green Gecco. 

Was blieb, war neben diesen strategischen Großfehlern ein Unternehmen, in dem ein Machismo sondergleichen herrschte. Die gesamte Führungsebene der Stadtwerke begegnete damals Frauen allenfalls als Sekretärinnen und Sachbearbeiterinnen. In der Führungsebene breitete sich so über Jahre eine Kultur aus, in der Frauen selbst im Aufsichtsrat gefrustet ausschieden.

Münstertypische Posse
Die in der Öffentlichkeit so arg gescholtene Geschäftsführung um den entlassenen Henning Müller-Tengelmann muss sich vorhalten lassen, am Ende an diesen Aufräumarbeiten gescheitert zu sein.

Zwar gelang es, das RWE-Projekt Black Gekko abzuwickeln und Green Gecco mehr oder weniger ruhen zu lassen Doch das band über Jahre massiv die Managementkapazitäten. Nur langsam gelang es den Stadtwerken, die Energiebeschaffung von den großen Playern zu lösen und eigene Kompetenz aufzubauen. Am Ende fehlte es an einer durchgreifenden Zukunftsstrategie. 

Neben krassen Ausreißern im Bereich des Umgangs innerhalb der Geschäftsführung gelang vor allem keine Modernisierung der Unternehmensstruktur. So musste es kommen, wie es kam – mit dem großen Knall 2018.

Danach folgte die münstertypische Posse eines gut bezahlten Interimsgeschäftsführers, der mit der damaligen CDU-Bürgermeisterin verwandtschaftlich verbunden war. Immerhin gelang danach eine Neuausrichtung der Geschäftsführung, die jetzt in die Bereiche Energie (Sebastian Jurczyk) und Verkehr (Frank Gäfgen) aufgeteilt wurde. Nun besteht die Aussicht, die völlig aus der Zeit gefallene Aufspaltung der Unternehmensführung in einen kaufmännischen und einen technischen Teil endlich aufzubrechen.

Die neue Geschäftsführung fällt seit ihrem Start vor knapp anderthalb Jahren dadurch auf, dass sie so demonstrativ harmonisch auftritt, dass man immer den Eindruck hat, die beiden seien gerade aus gemeinsamen Flitterwochen zurück. Das Publikum im Aufsichtsrat – dazu später mehr – nimmt es sicher dankbar auf, nach den Erfahrungen der Vergangenheit. 

Kraftwerk, Verkehrswende und Digitalisierung
Die Herausforderungen sind gewaltig. So müssen die Stadtwerke die Energiewende in der Stadt endlich forcieren. Der in den letzten Jahren halbherzig betriebene und fast ausschließlich auf Windenergie bezogene Ausbau der erneuerbaren Energien muss angegangen werden. Es braucht neue Standorte und neue Wege.

Das größte Zukunftsproblem aber bleibt das  Kraftwerk im Hafen, an dem die ganze Fernwärmeversorgung der Stadt hängt. Betrieben wird es unter anderem mit Gas. Und Gas ist als fossiler Energieträger nicht zukunftsfähig, auch nicht in Form der eigentlich energieeffizienten  Kraftwärmekopplung, die am Hafen zum Einsatz kommt. Es muss eine Lösung her, wenn die Stadtwerke weiter Energie erzeugen und verkaufen wollen.

Insbesondere muss die Stadt die Frage beantworten, ob und inwieweit Münster an der  Nationalen Wasserstoffstrategie des Bundes Anteil haben will. Und sie muss klären, ob das für das Kraftwerk eine Perspektive sein kann. 

Die zweite große Aufgabe ist die Verkehrswende. Hier kommt den Stadtwerken als Träger des Öffentlichen Nahverkehrs eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen das Busnetz in Münster komplett neu konzipieren. Die Stadt braucht mehr Bahnhaltepunkte – perspektivisch wird kaum ein Weg daran vorbeiführen, dass die Stadtwerke wie andere Nahverkehrsunternehmen in Großstädten auch einen Teil des innerstädtischen und regionalen Schienenverkehrs (mit)betreiben. Das alles muss in ein münsterlandweites Netz eingebunden werden. Das sind Herkulesaufgaben – vom Ausbau der nur rudimentär vorhandenen E-Lade-Infrastruktur in Münster ganz zu schweigen. 

Beim Nahverkehr wird es darum gehen, Antworten zu finden, wie Übergänge vom Fahrrad in Bus und Bahn gelingen können – und wie vor allem die ständig sinkende Durchschnittsgeschwindigkeit der Linienbusse von derzeit 16 Stundenkilometern so erhöht werden kann, dass man in Münster nicht immer mit dem Fahrrad schneller ist.

Das alles hängt stark vom politischen Rahmen ab, den der neue Rat setzt. Es ist aber auch eine unternehmerische Herausforderung. Wichtig wäre, dass bei neuen Nahverkehrsmodellen faire Löhne gezahlt werden – und nicht außertarifliche Dumping-Löhne. Und die Frage, welche Rolle das in Münster ohnehin eher prekäre Taxengewerbe dabei im Konzept der Zukunft spielt, wird auch beantwortet werden müssen.

Die Stadtwerke müssen aufholen
Für die dritte Herausforderung, nämlich die Digitalisierung, bringt der neue Geschäftsführer Jurczyk von seinem alten Arbeitgeber,  dem Energieunternehmen EWE, jedenfalls die nötige Expertise mit: Dort hat er schon bewiesen, wie man Glasfaserausbau erfolgreich schaffen kann – und so ist in Münster jetzt auch ein Joint Venture mit der Telekom am Start, das die verkorkste frühere Konzeption ablösen soll: Bisher wurden nur Teile der ohnehin gut versorgten Innenstadt und das Heimatdorf des CDU-Fraktionsvorsitzenden von den Stadtwerken angebunden. Jetzt soll es endlich in die ganze Fläche gehen und vor allem auch an die Gewerbegebiete, die auf Breitband dringend angewiesen sind.

Das ist alles vielversprechend, aber im Vergleich zu anderen Städten um Jahre zu spät. Bessere Nahverkehrskonzepte gibt es inzwischen in vielen Großstädten, gerade auch im Rhein-Main-Gebiet, bessere Breitbandanbindung in fast jeder Ruhrgebietskommune und eine konsequentere Strategie bei erneuerbaren Energien sogar im nördlichen Nachbarlandkreis.

Es wird Zeit, dass die Stadtwerke endlich aufholen. Die strategischen Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit sind dabei eine Bürde.

Dazu kommt das Thema Geld: Zwar ist die Eigenkapitalausstattung der Stadtwerke mit rund 40 Prozent gut, was aber vor allem an unterlassenen Investitionen der letzten Jahre liegt. Die Erträge aber stagnieren, die Margen sind unter Druck durch Wettbewerb und Regulierung. Und das gilt sowohl für den Verkauf von Energie als auch für die Netze (die immer noch die eigentliche Cashcow sind).

Für die drei großen Herausforderungen aber dürfte es bei weitem nicht reichen – gerade auch, wenn die jährliche Gewinnabführung von knapp sieben Millionen Euro für den Haushaltsausgleich der Stadt unverzichtbar bleibt.

Fehler der Vergangenheit
Allein der Breitbandausbau dürfte die Stadtwerke finanziell enorm fordern. Verkehr und Energie mit ihren kapitalintensiven Investitionen muss das Unternehmen noch zusätzlich stemmen.

So dürfte sich über kurz oder lang auch bei den Stadtwerken die Frage stellen, wie der Rat die Eigenkapitalausstattung verbessern will, wenn es denn ernst ist mit Verkehrs- und Energiewende.

Und zwei andere Dinge müssen die Stadtwerke in den Griff bekommen: Ihre Unternehmenskultur muss endlich im 21. Jahrhundert ankommen. Die Diversität der Stadt muss sich endlich auch im Gesicht der Stadtwerke wiederfinden, auch in Leitungsfunktionen.

Und die Stadtwerke müssen eng verzahnt mit Stadtverwaltung und Rat arbeiten. Das wird nur gelingen, wenn der Aufsichtsrat endlich seinen Aufgaben gerecht wird. Auch hier lasten wieder die Fehler der Vergangenheit: Seit die Arbeitnehmervertreter:innen 2014 den CDU-Fraktionschef als Vorsitzenden abwählten, hat sich die politische Führungsebene des Rates nicht mehr im Gremium wiedergefunden. 

Auch die Neubesetzung des Aufsichtsrates nach der Kommunalwahl im Herbst hat an diesem Bild wenig geändert. Die neue Koalition hat es nicht vermocht, eine eigene Kandidatur für den Aufsichtsratsvorsitz vorzuschlagen, stattdessen darf ein CDU-Hinterbänkler nun weiter präsidieren.

Für die Verwaltung sitzt nun der Stadtbaurat im Gremium (was allenfalls für Verkehrsfragen passen mag), aber nicht die für die Beteiligungssteuerung zuständige Kämmerin – vor allem aber nicht derjenige, der für die strategische Verzahnung von Verwaltung und Politik eigentlich zuständig wäre, nämlich der Oberbürgermeister. 

Der macht seit Jahren einen großen Bogen um die Stadtwerke, obwohl nirgendwo so sehr über die Zukunft der Stadt entschieden wird wie dort. Wie mit einer solchen Aufstellung der große Aufschlag gelingen soll, ist ein Rätsel. Es wird so wieder zu erheblichen Reibungsverlusten kommen.

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