21. Oktober 2021 / Allgemein

10 von 640.000: Brandbomben am Coppenrathsweg entsorgt

Munition bei Sondierungsmaßnahmen entdeckt

Brandbombe

Foto (Stadt Münster, Amt für Kommunikation): Eine von mehreren Brandbomben, die am Coppenrathsweg gefunden wurden. Im Gegensatz zu den Spreng-Blindgängern drangen sie aufgrund ihrer Form nicht allzu tief ins Erdreich ein.


Rund 640.000 Brandbomben wurden während des Zweiten Weltkriegs über dem münsterschen Stadtgebiet abgeworfen –  das ist die zwanzigfache Menge der hier sehr viel häufiger für Evakuierungs- und Entschärfungswarnungen verantwortlichen Sprengbomben (32.000). Auch in der vergangenen Woche war der Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe (KBD-WL) nahezu unbemerkt in Münster im Einsatz – und das überaus erfolgreich.

Zwölf Blindgänger-Verdachtspunkte, die aus einer Luftbildauswertung der Bezirksregierung Arnsberg resultierten, wurden im Vorfeld einer geplanten Gewässerbaumaßnahme für den Hochwasserschutz im Bereich Wilhemshavenufer / Coppenrathsweg überprüft: Gefunden wurden in einer Tiefe von zwei bis drei Metern drei noch intakte (mit einem Gewicht von je 125 Kilogramm) und gleich sieben weitere Brandbomben (diese jedoch in Einzelteilen). Die Munition wurde geborgen und schließlich durch den KBD entsorgt. Eine reale Gefahr bestand für das Umfeld nicht, da die ansonsten intakten Brandbomben keinen Zünder hatten – entsprechend waren weder Evakuierung noch Entschärfung erforderlich. Nach 14 Tagen Aufgrabungen und Sondierbohrungen war die 40.000 Quadratmeter große Fläche von Kampfmitteln befreit: Für das Kampfmittelbeseitigungsteam um Sprengmeisterin Barbara Bremmer also ein vermeintlicher Standard-Termin, obschon jede scharfe Munition eine individuelle Herangehensweise erfordert.

Dass Funde und Räumungen solcher Weltkriegs-Zeugnisse in der Öffentlichkeit kaum bekannt werden, hängt vor allem mit der Wirkungsweise dieser Brandbomben zusammen. Ihre vernichtende Kraft entfachen sie aufgrund ihrer geballten Menge auf relativ kleinem Raum und dann insbesondere in Kombination mit chemischen oder Sprengbomben – im Zweiten Weltkrieg hinterließen so ausgelöste Feuerstürme vielfach nur Schutt und Asche in Münster.

Brennendes Rathaus
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Münster mit Hunderttausenden Brandbomben überzogen - hier das brennende Rathaus am 28. Oktober 1944. Foto: Stadtarchiv Münster

Tatsächlich beschränkt sich die heutige Gefahrenlage aufgrund der geringeren Eigensprengwirkung aber auf einen relativ kleinen Radius, entsprechend sind großflächige Absperrmaßnahmen und Evakuierungsplanungen zumeist nicht nötig. Problematischer als der Sprengsatz an sich ist die im Gehäusekern enthaltene brennbare Flüssigkeit, die sich mit einer Sprengung im Umfeld verteilen kann.

Das dem Bergbau entlehnte Sprichwort "Vor der Schüppe ist es dunkel" gilt auch hier: Die bei Sondierungsmaßnahmen festzustellenden Induktionswerte lassen grundsätzlich keine Deutung des Fundes im Erdreich zu. Es ist also unklar, ob sich nur Altmetall, intakte Sprengmunition oder beispielsweise eine Brandbombe dort finden lässt. Erst eine Freilegung des Materials schafft Klarheit – und sorgt dann für die weiteren, jeweils nötigen Schritte.

Die Feuerwehr Münster hat zahlreiche Informationen zur Kampfmittelüberprüfung in einer Broschüre für Bauwillige zusammengestellt. Diese findet sich auch in digitaler Form zum Download unter der Adresse https://www.stadt-muenster.de/feuerwehr/download
 

Drei Fragen an … Susanne Reckhorn-Lengers (Feuerwehr Münster)

Susanne Reckhorn-Lengers
Foto (Stadt Münster, Amt für Kommunikation): Susanne Reckhorn-Lengers (Feuerwehr Münster)

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stadtgebiet mit einem Brandbombenteppich überzogen, zahlreiche Felder wurden bereits sondiert und Blindgänger dieser Art entschärft. Lässt sich abschätzen, wie viele dieser Bomben noch unter Münster liegen?
Reckhorn-Lengers: Leider ist das nicht möglich. Erst seit einigen Jahren werden die überprüften Bombenblindgänger-Verdachtspunkte umfassend dokumentiert und kartographiert. Aus den 70er bis 90er Jahren gibt es generell keine Aktenlage zu Verdachtspunktprüfungen, so dass es tatsächlich noch viele Hundert sein könnten, die sich trotz der großen Menge an Sondierungen und erfolgten Entschärfungen im Erdreich Münsters befinden. Eine stadtweite Luftbildauswertung wurde nie vorgenommen; solche Auswertungen der Bezirksregierung Arnsberg erfolgen nur für angefragte Flächen im Zuge von Baumaßnahmen.
 
Sind Blindgänger nach rund 80 Jahren noch immer so gefährlich wie damals? 
Reckhorn-Lengers: Auch diese Frage ist kaum seriös zu beantworten. Denn in den letzten Kriegsjahren gab es zwar zahlreiche Bombardierungen auf Münster – allerdings hatte sich auch das abgeworfene Material deutlich verschlechtert. Damit meine ich vor allem den damals genutzten Sprengstoff und die verwendeten Zünder. Wie viele der Bomben also tatsächlich zündeten und wie viele wirkungslos ins Erdreich drangen, ist absolut nicht zu beziffern, auch wenn Fachleute mit bis zu einem Fünftel nicht explodierter Munition spekulieren. Darüber hinaus sind bei intakten Bomben die Zünder aus Messing und zumeist so gut wie neu – allerdings auch schon massiv vorbelastet durch den Abwurf. Somit sind sie nach 80 Jahren im Erdreich mindestens genauso gefährlich wie damals - insbesondere bei Verlagerungen durch Erschütterung oder etwaigen Kontakt, beispielsweise durch Baugrundeingriffe.
 
Das ist ja auch ein Grund, weshalb Bauwillige ihre Grundstücke vor jeder Erdreichbewegung unbedingt überprüfen lassen sollten. Worauf gilt es zu achten – und wen sollten die Bürgerinnen und Bürger da kontaktieren?
Reckhorn-Lengers: Wir haben eine Broschüre mit vielen wertvollen Tipps und Planungsschritten zum Download auf unsere Website gestellt. Dort findet sich auch der Antrag auf Kampfmittelüberprüfung als PDF. Wichtig ist, dass niemand auf eigene Faust tiefe Bodenarbeiten ohne eine vorherige Prüfung durch uns veranlassen sollte. Die Gefahr eines unentdeckten Blindgängers ist auch nach acht Jahrzehnten im gesamten Stadtgebiet allgegenwärtig. Ich erinnere da an die Großevakuierung in Mauritz im September 2020, als 16.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen mussten, rund 1000 Kräfte im Einsatz waren. Solch ein Moment erdet ganz schnell und bringt uns immer wieder die Schrecken des Zweiten Weltkriegs ganz nah. Wir können immer wieder nur auf den gesunden Menschenverstand und die bestehende Vorschrift verweisen, Baugrundstücke vor Aufnahme der Bautätigkeiten auf Kampfmittel überprüfen zu lassen. Denn dort können sich nicht nur tonnenschwere Blindgänger finden, sondern auch nicht detonierte Granaten oder zurückgelassene Waffen. Alles zusammen birgt bis heute ein höchst brisantes Gefahrenpotenzial.

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